VFP Verbandsmagazin 04-2012 - Vortrag zum Weltsuizidpräventionstag

Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass ich heute zu Ihnen sprechen darf.

Mein Name ist Natalie Greve, ich bin 38 Jahre alt und wie so viele von Ihnen eine Hinterbliebene nach Suizid. Mein Freund hat sich am 9. August 2009 mit 39 Jahren nach schweren Depressionen in einer Klinik das Leben genommen. Acht Wochen vorher hatte er mir einen Heiratsantrag gemacht.

Wir waren jung und voller Pläne, dann schlug die Krankheit zu. Knut veränderte sich während seiner Depression innerhalb von ca. sechs Wochen von einem vitalen, jungen Mann hin zur absoluten Hoffnungslosigkeit. Aber auch wenn ich wusste, dass er schwer krank war, habe ich zu keinem Zeitpunkt seiner Erkrankung aktiv darüber nachgedacht, dass er sich das Leben nehmen könnte. Wir hatten doch uns und unsere Liebe. Das Leben hat mir gezeigt, dass auch Liebe manchmal nicht reicht.

Als Knut Suizid beging, da lag mein ganzes Leben in Trümmern. Wir hatten doch Pläne, wollten eine Familie gründen. Jetzt war ich alleine und ich gebe ehrlich zu, dass ich zum damaligen Zeitpunkt nicht wusste, ob ich leben oder auch sterben will. Ich bin, wie so viele von Ihnen, einen weiten Weg gegangen, durch Schuld, Verzweiflung und Angst.

Aber wie Sie sehen, lebe ich noch und ich darf Ihnen versichern, dass es mir heute gut geht, auch wenn mich der Schmerz oftmals noch einholt. Ich mache eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie und lege meinen Schwerpunkt auch auf Trauerbegleitung speziell nach Suizid.

Ganz besonders geholfen hat mir das Trauerjahr beim Institut für Trauerarbeit. Dort habe ich mich verstanden gefühlt, bin auf Menschen gestoßen, denen das Gleiche wiederfahren ist, habe geweint, aber auch gelacht. Ich kann nur jedem Hinterbliebenen raten, diese wertvolle Hilfe anzunehmen. Mein herzlichster Dank gilt Birgit Sonnabend und Christine Schroth für ihre wertvolle und liebevolle Arbeit.

Vor einigen Tagen habe ich ein Buch fertig geschrieben, in dem es um Knuts und meine Geschichte geht. Ich freue mich, dass ich Ihnen heute etwas daraus vorlesen darf.
Das Buch heißt „Ein stiller Gruß von Dir ...“, denn ich bin ganz fest überzeugt davon, dass mir mein Freund mit jeder Sternschnuppe, die ich am Himmel erblicke, einen stillen Gruß schickt. Ich berichte in meinem Buch von einer Nacht, die ich auf dem Balkon verbrachte und in der ich in den Himmel gesehen habe. In Rückblicken erzähle ich von den Ereignissen der letzten Jahre: Vom Beginn unserer Beziehung über seine Depressionen bis hin zu seinem Suizid und meinem Kampf ums Überleben.

Lange habe ich überlegt, welche Textpassagen ich Ihnen vorlesen möchte, und habe mich schlussendlich für zwei Ausschnitte entschieden.

Über den Suizid von Robert Enke kam ich mit mehr und mehr Menschen ins Gespräch, die bereit waren, über ihre eigenen vergangenen Suizidversuche und ihre Beweggründe zu sprechen. Ich suchte noch immer nach Antworten und ich bekam sie durch diese Begegnungen. Besonders dankbar bin ich einem Patienten, der mit mir alle meine Fragen besprochen und mir auch erlaubt hat, die Antworten aufzuschreiben. Ich will hier kein ganzes Gespräch wiedergeben, ich zitiere nur die für mich wichtigsten Aussagen:

„Er hat sich nicht umgebracht, weil er Dich nicht geliebt hat, er wusste einfach keinen anderen Ausweg.“, „Wenn Du an Suizid denkst, dann denkst Du nicht daran, was Du anderen antust, Du denkst, Du erlöst sie von einem Ballast, denn als solchen empfindest Du Dich.“, „Vielleicht hat er sich das Leben genommen, damit Du leben kannst, das ist auch Liebe.“, „Du denkst nicht an das, was nach Deinem Tod ist und Du hast keine Angst davor, es ist dann einfach vorbei.”, „Der Suizid bestimmt Dein Denken, sonst nichts.“, „Es soll einfach aufhören.“, „Endgültig ausschlaggebend für die Entscheidung kann sein, dass ein Ordner falsch steht.“, „Jede Kleinigkeit kann das Ende sein, denn Du kannst nicht mehr.“, „Suizid ist keine Entscheidung gegen das Leben oder Deine Lieben, sondern eine Erlösung aus einem Zustand, der nicht mehr aushaltbar ist.“

Ich spürte instinktiv, dass viele dieser Aussagen auf Dich zutrafen, dass Du Angst davor hattest, Ballast zu sein, niemals wieder gesund zu werden, dass diese Krankheit so furchtbar ist, dass die einzige Erlösung der Tod zu sein scheint. Und ich verstand, dass das Thema Suizid Dich schon länger beschäftigt hatte, Du es aber nicht aussprechen wolltest, um Dir immer eine Lösung für den Ernstfall offen zu halten.

Zum Ende meines Beitrages möchte ich Ihnen noch den Schluss des Buches vorlesen, an dem die Nacht der Erinnerungen vorbei ist und ein neuer Tag beginnt.

Es ist hell und die Sonne scheint. Unser Kater ist zu mir auf den Balkon gekommen. Er sonnt sich auf seiner Aussichtsplattform, die dort steht. Ich habe mir einen Kaffee gemacht. Die Nacht ist vorüber und ein neuer Tag hat begonnen. Danke für die wundervollen Erinnerungen, die wunderschöne Zeit und Deine Liebe. Meine Zeitreise hat weh getan, mich aber auch mit einer unglaublichen Dankbarkeit darüber erfüllt, dass ich Dich kennen und lieben durfte. Es wird gesagt, dass Zeit alle Wunden heilt. Daran glaube ich nicht. Zeit lässt die Wunden vernarben und Erinnerungen entstehen, aber solch tiefe Wunden sind nicht zu heilen. Und das ist auch gut so. Du bist einfach ein großer Teil meines Lebens.

Ich liebe Dich und ich werde Dich immer lieben. Manchmal sagen mir die Menschen, es wäre besser gewesen, wir hätten uns nie kennen gelernt. Das stimmt nicht. Wenn ich Dich heute kennen lernen würde und wüsste, dass Du Dir vier Jahre später das Leben nimmst, ich würde es noch einmal machen. Jeder einzelne Tag war es wert.

Ich schicke einen letzten Blick zum Himmel. Die Sterne haben sich schlafen gelegt und Du wohl auch. Ich werde jetzt unseren Kater füttern und einen Spaziergang machen. Und wer weiß, vielleicht sehe ich morgen Abend wieder in den Himmel und bekomme einen stillen Gruß von Dir ...

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen alles Gute.

Natalie Katia Greve 
Psychologische Beraterin

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